Bildung als vernetztes System

von Dietmar Lehmann

Minden/Bad Oeynhausen. Bildung findet lebenslang und in unterschiedlichen Kontexten statt. Es sind heute nicht die einzelnen Institutionen wie Schule, Bibliothek oder Volkshochschule, die maßgeblich das Bildungsverhalten prägen, sondern die Vielfalt der unterschiedlichen Lern- und Kulturorte in ihrer Gesamtheit. Es mag daher auch nicht verwundern, dass die neue Landesregierung in NRW im Rahmen der kulturpolitischen Leitvorhaben der Landesregierung den Blick auf sogenannte „Dritte Orte“ richtet, d.h. vorhandene Einrichtungen wie Bibliotheken, Volkshochschulen oder Kulturberatungen sollen gebündelt und zu kulturellen Begegnungs- und Erlebnisorten ausgebaut werden. Auch im Zuge einer Stärkung der kommunalen Bildungsverantwortung rückt die Kooperation zwischen Bibliotheken und Volkshochschulen immer mehr den Fokus.

Kein Zweifel, Weiterbildung und Bildung sind im Fluss und überschreiten Grenzen zwischen Bildungsbereichen im Konzept lebenslangen Lernens. Waren Bibliotheken vor einigen Jahren vor allem noch Orte der Ausleihe, vollzogen sie mit dem Wandel zu Lern- und Begegnungsstätten in den letzten Jahren einen entscheidenden Paradigmenwechsel und haben ihre klassischen Bibliotheks-aufgaben neu interpretiert und diese an die Gegebenheiten der digitalen Informationsgesellschaft angepasst. Auch Volkshochschulen antworten im Rahmen eines zukunftsorientierten Bildungsverständnisses auf Veränderungen und haben sich rund um die Themen Bildung und Lernen neu ausgerichtet, unterstützen bei Fragen des gesellschaftlichen Zusammenhalts, der Integration und sind aktive Mitgestalter der sich digitalisierenden Gesellschaft.

Blickt man auf die strategischen Handlungsfelder beider Einrichtungen, so wird man schnell feststellen, dass es im gemeinsamen Aufgabenfeld von Wissenserschließung, -vermittlung und -aneignung – bei aller Unterschiedlichkeit des jeweils zugrunde gelegten Selbstverständnisses – zunehmend zahlreiche Schnittstellen gibt, die zu vielfältigen Kooperationen vor Ort genutzt werden könnten.

So bieten beide Einrichtungen allen Bürgerinnen und Bürgern – unabhängig von ihrer kulturellen Herkunft und ihrem sozialen Status – Zugang zu Informationen, Wissen, Bildung. Sie sind Orte der Begegnung und elementare Bestandteile der kommunalen Daseinsfürsorge. Beide Einrichtungen sprechen Zielgruppen an, die einen besonderen Förderbedarf haben, unterstützen die Integration von Migranten und Flüchtlingen, sind Orte gelebter Demokratie und eine bedeutende Ressource für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und sprechen vor dem Hintergrund des demografischen Wandels verstärkt ältere Bevölkerungsgruppen an. Letztendlich stehen beide Einrichtungen gegenwärtig vor dem Hintergrund der zunehmenden Digitalisierung und Vernetzung unserer Gesellschaft unter erheblichem Veränderungszwang.

In diesem nur skizzierten Kontext zeichnet sich bereits ab, dass Lern- und Bildungsangebote von Volkshochschulen und Bibliotheken im Rahmen einer Gesamtstrategie zur Bildung stärker synergetisch verknüpft werden sollten. Allerdings war die bisherige Zusammenarbeit von Volkshochschulen und Bibliotheken in NRW oft nur punktuell verankert, kaum strukturell und stieß in der Regel immer wieder an die Grenzen eines eng gefassten Konzepts von Weiterbildung oder eines ausschließlich auf sich bezogenen Rollenverständnisses von Bibliotheken.

Der Blick über die Landesgrenzen hinaus zeigt dagegen, dass es in anderen Bundesländern bereits seit Jahren Kooperationsempfehlungen gibt, die auf eine enge partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen den Einrichtungen zielen. Das Thema einer engeren Zusammenarbeit zwischen Volkshochschulen und Bibliotheken ist von daher sicherlich nicht neu, es erfährt jedoch angesichts der Dynamik der gesellschaftlichen Herausforderungen und des Wandels des Selbstverständnisses beider Einrichtungen eine deutliche Aufwertung.

Neu an der jetzigen Debatte mit Blick auf die Vernetzung von Aufgabenfeldern zwischen Volkshochschulen und Bibliotheken ist auch der Verweis des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW auf den sogenannten „Dritten Ort“. Das Schlagwort „Dritter Raum” beziehungsweise „Dritter Ort” hat sich in den letzten Jahren im Bibliothekswesen etabliert und beschreibt zunächst die strategische Entscheidung von Bibliotheken, sich als Kommunikationsort und gesellschaftlicher Raum zu entwerfen. Vorbild dürften im europäischen Kontext die sogenannten „Learning Centres“ oder die „Idea Stores“ in London sein.

So sehr diese Vorbilder auch begeistern können, so fehlt in der Perspektive letztendlich ein erwachsenenbildnerisches Profil. Es kann daher nicht nur um eine bloße Adaption eines Begriffs gehen, sondern es muss um eine neue Qualität der kommunalen Bildungspraxis gehen. Bei aller Unschärfe des Begriffs gilt es jetzt, das Vorhaben der Landesregierung frühzeitig, auch und gerade aus der Perspektive der Volkshochschulen, strategisch zu begleiten. Fest steht, dass Bildung in diesem Zusammenhang sicherlich nicht nur inhaltlich, sondern auch räumlich neu zu denken sein wird. Allein von hier aus sind zahlreiche Bildungsinnovationen möglich, auch wenn diese in der vorliegenden Regierungserklärung noch nicht übergreifend formuliert wurden. Ein Konzept des „Dritten Ortes“ greift allerdings zu kurz, würde man es ausschließlich auf Elemente wie Aufenthaltsqualität und Besucherfreundlichkeit beschränken.

Unabhängig davon gilt es, Lern- und Bildungsangebote von Volkshochschulen und Bibliotheken im Rahmen einer partnerschaftlichen Strategie für Bildung stärker synergetisch zu verknüpfen, um im Rahmen besser abgestimmter Leistungen den Aufbau von Doppelstrukturen zu vermeiden und zugleich vorhandene Kernkompetenzen effektiver zu bündeln.

Volkshochschulen und Bibliotheken sind Teil eines gemeinsamen Netzwerkes Weiterbildung, daher gilt es, institutsbezogene strukturelle Barrieren für die Menschen abzubauen. Dies bedarf allerdings einer Verständigung zwischen allen Beteiligten. Beide Landesverbände – sowohl der Landesverband der Volkshochschulen wie auch der Landesverband der Bibliotheken des Landes NRW- sind daher aufgerufen, zeitnah im Rahmen einer systematischen Zusammenarbeit partnerschaftlich nach Strategien, Wegen und Möglichkeiten zu suchen, um Kooperationsformen auszubauen.

Dabei geht es weniger um Abgrenzung bzw. Ausgrenzung der jeweiligen Aufgabenbereiche beider Einrichtungen, sondern es gilt vielmehr, gemeinsame Handlungsfelder zu identifizieren, um daraus im Sinne eines offenen und reaktionsfähigen Netzwerkes neue Kooperationsangebote für die Bürgerinnen und Bürger zu entwickeln und zu erproben und diese für ihre bildungsbiografische Begleitung nutzbar zu machen.

Man darf jetzt gespannt sein, inwieweit das vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW skizzierte Leitvorhaben in die Praxis umgesetzt werden soll – das berührt Volkshochschulen und Bibliotheken gleichermaßen.

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