Digitale Konzepte in der Weiterbildung

von Ulrike Kilp

Erstveröffentlichung in „STÄDTE- UND GEMEINDERAT Ausgabe Januar-Februar 2018“

Düsseldorf. Rongcheng – diese ostchinesische Stadt hat ihren Bürgerinnen und Bürgern das Sozialkredit-System verordnet, das nach hiesigem Verständnis nicht besonders viel mit einer sozialen Errungenschaft zu tun haben dürfte. Es handelt sich um ein auf verschiedene Datenbanken zugreifendes Online-Rating- und Scoring-System, mit dem u.a. die Kreditwürdigkeit, Straftaten und das soziale und politische Verhalten von Unternehmen, Personen und Organisationen zur Ermittlung ihrer „Ehrlichkeit“ ausgewertet und genutzt werden. Ziel ist es, die Bevölkerung durch Kontrolle bis in die privatesten Lebensbereiche hinein zu mehr „Aufrichtigkeit“ im sozialen Verhalten zu erziehen, wobei dies positive Wirkungen in unterschiedlichen Bereichen zeigen soll. Damit soll der integrierte Algorithmus aufgrund der zentral gesammelten persönlichen Daten über die Vergabe begehrter Studienplätze, berufliche Auf- und Abstiege und sogar die Auswahl eines „anständigen“ Schwiegersohns entscheiden.

Dieses Beispiel über eine Spielwiese für Big Data soll nach den Pilotversuchen auf regionaler Ebene bald auf ganz China ausgeweitet werden. Es wirft ein Licht darauf, wie rasant sich unsere Welt durch die fortschreitende Digitalisierung verändert. Sie stellt inzwischen eine Dimension dar, die angesichts ihrer gesellschaftlichen Bedeutung ihresgleichen sucht. Zuletzt hat vermutlich nur die Globalisierung einen in seiner Breiten- und Tiefenwirkung ähnlichen Transformationsprozess wie die Digitalisierung ausgelöst. Nicht von ungefähr existiert ein kausaler Zusammenhang zwischen Globalisierung und Digitalisierung. Bürgerinnen und Bürger erleben, dass alltägliche und früher anstrengende Tätigkeiten durch wenige Klicks abgelöst werden. Waren sind inzwischen weltweit und von jedem kleinen Dorf aus verfügbar. Kommunikation unterliegt kaum einer Beschränkung. Jede Person kann prinzipiell von überall mit jedermann weltweit in Kontakt treten. Der individuell erfahrene Zugewinn an Autonomie, Freiheit, Möglichkeiten und Zeit steht in krassem Widerspruch zum immer größer werdenden Gespenst einer unsichtbaren Autokratie über das Denken und Fühlen der Menschen. Entscheidend ist auch hier das Maß im Internet der Dinge. Die sich anbahnende „Apokalypse“ lässt sich nur verstehen, wenn sie von kritischer Analyse und Deutung durchdrungen und bei Fehlentwicklungen gegengesteuert wird.

Wer ist jedoch dazu in der Lage? Die These lautet: Jeder mündige Bürger – jede mündige Bürgerin kann das! Menschen können sehr gut unterscheiden, was für sie gut ist und was nicht. Dazu benötigen sie die notwendigen Zugänge zu Informationen und Themen.

Das Angebot der kritischen Reflexion zu gesellschaftlichen Veränderungen ist ein Kernauftrag der gemeinwohlorientierten Weiterbildung und insbesondere der kommunalen Bildungszentren – den Volkshochschulen. Rongcheng ist weit weg von Düsseldorf, Dortmund und Drensteinfurt. Dennoch wird das hinter dem Sozialkredit-System stehende Gedankengut auch dort zunehmend die Absichten und Strategien der Privatwirtschaft und des öffentlichen Sektors beeinflussen.

Gemeinwohlorientierung hat hier ihre besondere Verantwortung, die Bürgerinnen und Bürger in dieser Entwicklung mitzunehmen. Bildungseinrichtungen, die unabhängig von kommerziellen oder politischen „Hintergedanken“ sind, sollten übernehmen, ihre Teilnehmenden sachgetreu über die Risiken und Chancen der Digitalisierung zu informieren und die Zusammenhänge und Verknüpfungen zu ihren Arbeits- und Lebensbedingungen aufzuzeigen. Die Weiterbildung spielt eine Schlüsselrolle bei der Vermittlung digitaler Kompetenzen, insbesondere für jene, die keine Digital Natives sind: Ältere, Berufsrückkehrer, Erwerbslose und Menschen mit Alphabetisierungs- und Grundbildungsbedarfen. Dabei werden die vielen neuen Möglichkeiten, die durch den Einsatz digitaler Medien und Tools entstehen, in weiterentwickelte Bildungsformate einfließen. Schon jetzt werden hierzu Expertise, Pilotprojekte und Standards entwickelt.

Die Volkshochschulen nehmen hierbei für die Weiterbildung bundesweit eine Führungsrolle ein. Derzeitig schafft der Deutsche Volkshochschul-Verband (DVV) im Rahmen der Strategie Erweiterte Lernwelten Maßnahmebündel zur Verbindung der kommunalen und virtuellen Ebene. Es entstehen Leuchtturmprojekte, eine virtuelle Lern- und Arbeitsumgebung und ein Fortbildungsangebot, das Medienkompetenz und Medienentwicklungsplanung ebenso umfasst wie juristische Fragestellungen. Gleichzeitig entsteht eine umfassende digitale All-in One-Lösung. Mit einem Multisite-Konzept wird der jetzige Kursfinder unter volkshochschule.de zu einem kombinierten Verbands- und Kundenportal ausgebaut. Von dort aus werden barrierearme Zugänge zu den öffentlich zugänglichen Lernplattformen des DVV (z.B. vhs-lernportal) geschaffen. Mit der angedockten VHS.Cloud wird allen Akteuren in Bildungsprozessen (Teilnehmende, Kursleitungen, Bildungsplanende) 2019 zusätzlich eine eigene Online-Umgebung zum Lernen, Kommunizieren und Kooperieren zur Verfügung stehen, um die orts- und zeitungebundene Mitarbeit, Zusammenarbeit und Partizipation für alle Personen und Gruppen zu ermöglichen.

Der Landesverband der Volkshochschulen von NRW unterstützt die erweiterten Lernwelten als wegweisendes Projekt, das auch in den Kommunen angekommen ist. Fünf DigiCircles (DC) gingen 2017 in NRW mit eigenen Leuchtturmprojekten an den Start. Dabei handelt es sich um Zusammenschlüsse aus drei bis sieben Volkshochschulen, die innovative, erweiterte Lernwelten umsetzen und dabei ihre Erfahrungen der vhs-Landschaft zur Verfügung stellen. Die DigiCircles in NRW in der Übersicht:

DC-Name Beteiligte vhs Schwerpunktthema
DOME+Bergische Duisburg, Oberhausen, Mülheim, Essen und Bergische vhs Wuppertal Nachholende Schulabschlüsse – Unterrichtsgestaltung mit digitalen Formaten(OER und Flipped Classroom)
Niederrhein-Nord Neuss, kvhs Viersen, Gelderland, Moers/Kamp-Lintfort und Wesel-Hamminkeln-Schermbeck Gamification: Einbindung von digitalen Spieleplattformen in das Kursgeschehen
MöMeKö Mönchengladbach, Meerbusch und Köln Blended Learning im Bereich Sprachen, Kultur und berufliche Bildung (Bewerbungstraining)
Münsterland Ahaus, Borken und Lengerich Augmented Reality – historische Stadtführung – Blended Learning für Zielgruppe Erzieher/-innen
Südliches Rheinland Eschweiler, Frechen, Siebengebirge, Rhein-Erft und Rur-Eifel Crossfitness – Blended Learning im Gesundheitsbereich, Xpert-Business und dem dvv-Portal „ich-will-deutsch-lernen.de“

 

Zusätzlich zu den dezentralen DigiCircles werden weitere Formate erprobt. Im Bereich der politischen Bildung wurde mit der Veranstaltungsreihe „Smart Democracy“ im Herbst 2017 in NRW gestartet- ein Format zur kritischen Auseinandersetzung mit der Digitalisierung. Einzelne Volkshochschulen haben neue Räume eingerichtet, die auf das Lernen mit digitalen Medien zugeschnitten sind. Ein Lernbegleiter unterstützt die Besucherinnen und Besucher bei der Nutzung des Angebots. Hier können kostenfrei ein Internet-Zugang – auch über WLAN – z.B. für Internet-Recherchen – oder Lernsoftware – von Sprachen bis EDV – genutzt werden.

Der DVV und die Volkshochschulen setzen mit den erweiterten Lernwelten Meilensteine für die Zukunftsfähigkeit der Volkshochschulen in einer digitalisierten Welt. Sie haben Innovationskraft für integrative Konzepte mit analogen und digitalen Lernsettings entwickelt. Es ist jedoch auch erforderlich, nicht nur die Bildungsprozesse sondern auch die kommunalen Volkshochschulen selbst weiterzuentwickeln. Alle Bereiche in der Organisation müssen angefasst werden, um die inneren Strukturen, Mitarbeitenden und Bildungsinhalte zu professionalisieren. Allein die Lizenzkosten für notwendige Anwendungssoftware, Anwenderschulungen und IT-Sicherheit schlagen deutlich mehr zu Buche.

Über den fachlichen und institutionellen Diskurs hinaus muss auch die bildungspolitische Relevanz der Digitalisierung der Weiterbildung hervorgehoben werden. Der Bildungsföderalismus ist derzeitig stark in der Diskussion. Angesichts der besonderen Bedeutung des Politikfeldes Bildung müssen die Länder und Kommunen in die Lage versetzt werden, ihre diesbezüglichen Aufgaben umsetzen zu können. Es ist zu empfehlen, auf Bundesebene – insbesondere in der KMK – konsequent die Länderinteressen für die Volkshochschulen zu thematisieren. Investitionen in die notwendige Infrastruktur, z.B. im Rahmen der Digitalen Agenda 2014-2017, dürfen nicht bei den Schulen und Hochschulen haltmachen, sondern müssen auch der Weiterbildung zur Verfügung gestellt werden. Volkshochschulen können so zu Treibern der digitalen Entwicklung werden und sind wichtige Partner, um die Zukunftspotenziale der Gesellschaft zu erschließen.

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