Ungleicher Wettlauf. Ein Zwischenruf zum Programm „Erweiterte Lernwelten“

von Dr. Nikolaus Schneider

Ahaus. Es steht außer Frage, dass sich digitale Lernräume in den letzten Jahren dynamisch entwickelt haben. Dieser Trend wird sich fortsetzen und verstärken. Zu einer nicht mehr fernen Zukunft gehören die folgenden Szenarien: digitale Lern-Trainer oder -Coaches, also intelligente Computer, passen sich den Lerngewohnheiten und der Lernkapazität des Individuums aufs Genaueste an und ermöglichen stark individualisierte Lernprozesse; digitale Lernräume sind nicht nur für kognitive Lernprozesse geeignet, sondern ermöglichen auch sensorische und motorische Erfahrungen (es gibt nicht nur den E-Sprachkurs, sondern auch den E-Tanzkurs); die Vernetzung von Lernenden an unterschiedlichen Orten, die das gleiche Lerninteresse teilen, wird zu einer Selbstverständlichkeit.

Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass Volkshochschulen wichtige Entwicklerinnen und wichtige Plattformen dieser Entwicklung sein werden. Ihnen fehlen dazu die notwendigen Ressourcen; außerdem ist ihre kommunale Struktur ein Wettbewerbsnachteil. Ein Beispiel für die Entwicklung des digitalen Sprachenlernens kann dies veranschaulichen: Ein wichtiger Treiber für webbasierten Fremdsprachenunterricht ist das 2007 in Berlin als Startup gegründete Unternehmen Babbel. Zehn Jahre nach seiner Gründung hat es 250 festangestellte Mitarbeiter/-innen, die sich v. a. damit beschäftigen, die Lernsoftware didaktisch zu verbessern und noch genauere Beziehungen zwischen der jeweiligen Ausgangssprache und der jeweils zu lernenden Sprache herzustellen. Hat irgendeine Volkshochschule in den letzten zehn Jahren eine vergleichbare personelle Erweiterung hinbekommen? Natürlich nicht. Benötigt Babbel das Know-how der Volkshochschulen, um seine Software zu verbessern? Ebenfalls nicht. 

Wollten Volkshochschulen bei der Entwicklung von E-Learning-Angeboten mithalten, müssten sie ihre Struktur radikal verändern und zwar schnell. Würde es z. B. 1000 Volkshochschulen in Deutschland gelingen, 100 digital-affine Sprachen-HPM für ein Zweijahresprojekt „Digitales Sprachenlernen“ freizustellen, wäre es erst möglich, zu Unternehmen wie Babbel in ernsthafte Konkurrenz zu treten. Die kommunale Struktur der Volkshochschulen passt nicht zu den großen Dimensionen digitaler Lernräume. Eine gute Software will nicht in einer Kommune vertrieben werden, sondern ist auf massenhafte Nutzung angelegt. Und außerdem sind digitale Lernräume nicht dazu geeignet, in einer Kommune nennenswerte Teilnehmendenbeiträge einzuspielen. Die Nutzung des kompletten Lernangebots einer Sprache kostet bei Babbel derzeit weniger als 7 Euro im Monat; für Menschen, die in einer gewissen Intensität lernen möchten, unterbietet das jeden Live-Kurs in einer Bildungseinrichtung deutlich. Und je massenhafter eine Lernsoftware genutzt wird, desto günstiger werden die Preise.

Ich behaupte also, dass die dynamische Entwicklung digitaler Lernräume über die Ressourcen und die Kapazitäten der Volkshochschulen hinweggeht. Was heißt das für das Konzept der Erweiterten Lernwelten? Ich halte das Konzept für gut, weil es die Vorteile des Präsenzlernens mit den Möglichkeiten digitalen Lernens verbindet. Die Volkshochschulen tun gut daran, das Programm ELW weiter auszubauen. Nur warne ich davor, sich vorzumachen, man würde dadurch mit der Digitalisierung Schritt halten. Es handelt sich um einen ungleichen Wettlauf. Digitale Lernräume werden an anderen Orten mit gewaltigen Ressourcen entwickelt. Sie sind nicht an kommunale Strukturen gebunden, sondern richten sich an Lernende weltweit. „Digicircle“ nennt sich das vielversprechende aktuelle Programm innerhalb der ELW, das Verbünde von Volkshochschulen dazu ermutigen und befähigen soll, gemeinsam digitale Lernangebote zu erproben. Selbst wenn sich alle Volkshochschulen im deutschsprachigen Raum zu einem Mega-Digicircle zusammenschließen würden, wäre das noch ein kleiner Fisch innerhalb der Entwicklung digitaler Lernräume. 

Was also tun? Meiner Meinung nach müssen Volkshochschulen sehr genau analysieren, welche Anteile ihrer Lernangebote nicht digitalisierbar sind. Genau diese gilt es zu stärken. Im Moment können wir z. B. gut beschreiben, dass der Integrationskurs ein nicht-digitales Angebot sein muss. Die Präsenz der Teilnehmenden ist entscheidend. Der Integrationskurs ist nicht nur eine Deutsch-Lerngruppe, sondern eine sozial sich stabilisierende Gemeinschaft. Er verhilft den Teilnehmenden zur Strukturierung ihrer Woche, er vermittelt alltagspraktische Tipps über das Sprachenlernen hinaus und erzeugt soziale Bindungen, für Flüchtlinge mitunter die ersten, die sie in Deutschland haben. Selbstverständlich kann die App zum Deutschlernen wichtige Unterstützung leisten, aber sie wird nicht die spezifischen Qualitäten des Integrationskurses live ersetzen.

Der Integrationskurs ist kein vereinzeltes Beispiel. Trotzdem ist es nicht leicht zu ermessen, welche in zehn Jahren diejenigen Angebote sein werden, die – trotz dynamisch fortentwickelter digitaler Lernräume – nicht-digital stattfinden müssen. Ich vermute, dass der soziale Aspekt in den Vordergrund treten wird, der Lernaspekt dagegen in den Hintergrund. Alles, was im kognitiven Sinne lernbar ist, wird in absehbarer Zeit auch digital lernbar sein. Nicht digital lernbar wird dagegen das Knüpfen alter sozialer Netzwerke sein, vor Ort, im nicht-virtuellen Lebensraum jedes Menschen. Ich stelle mir Volkshochschulen als leicht zugängliche Orte innerhalb der Kommunen vor, an denen sich Menschen begegnen. Unter dem Dach einer vhs könnte sowohl ein Repair Café angesiedelt sein als auch ein Sozialkaufhaus, hier gibt es einen Garten, in dem Gemüse für die Region angebaut wird, hier finden Bands ihre Probenräume und Künstler/-innen ihre Ateliers. Die vhs der Zukunft ist der zentrale Umschlagplatz für kommunalpolitische Ideen. Eine so skizzierte Volkshochschule funktioniert ganz anders als heute, sie beschäftigt mehr Sozialarbeiter/-innen und weniger Pädagogen/-innen; die bislang zentrale Maßeinheit Unterrichtsstunden spielt nur noch eine untergeordnete Rolle: „Aufenthaltsstunden“ sind wichtiger. Die vhs der Zukunft ist möglicherweise kleiner als heute, weil die meisten Lerninhalte in den digitalen Raum ausgegliedert werden können. Und der schon heute von vielen als schief empfundene Begriff „Volkshochschule“ passt überhaupt nicht mehr. Wohin gehen wir dann? Auch darüber müssen wir neu nachdenken und verhandeln.

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Alexandra Hessler
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Ich denke, es kommt weniger darauf an, „was mit Medien“ zu machen, als an sich tatsächlich Lernwelten zu erweitern, sprich z.B. das, was in der VHS entsteht auch wieder hinaus zu tragen: man kann mit Teilnehmenden kleine Erklärvideos oder live Hacks in verschiedenen Sprachen machen und die ins Netz stellen, Kunst aus vhs-formaten könnte viel mehr im Netz gezeigt werden und so weiter… Das wäre schon Mal ein erster Schritt, um Präsenz zu zeigen, und Leute „da abzuholen“, wo sie sind: im Netz.

Christoph Köck
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Christoph Köck

Lieber Herr Dr. Schneider, Ihre Argumentation hat etwas Bestechendes. Die vhs als analoge Bastion in der fast komplett durchdigitalisierten Welt. Das wäre sicher ein Geschäftsmodell, das trägt. Allerdings zukünftig nur für eine kleine Gruppe von Menschen, die sich ganz bewusst dafür entscheiden. Was ändert sich: aus „Bildung für alle“ wird in Zukunft „Bildung mit allen“ werden. Digitaler Vernetzungen werden neue analoge Vernetzungen auslösen und umgekehrt. Ich erlebe das seit Jahren als grosse (Lern-) Bereicherung in meinem privaten und beruflichen Umfeld. Menschen nicht die Vorteile der digital-analogen Lern-Sphäre und Vernetzung zu eröffnen, wird bedeuten, wesentliche Horizont erweiternde Faktoren ausser Acht zu… Weiterlesen »

Michael Staudt
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Die VHS Hamburg hat mit dem Online Angebot Tandem Sprachenlernen gezeigt (https://www.vhs-tandem.de/de/), wie es gehen kann! Diese Plattform kann jede VHS nutzen. So stell ich mir nachhaltige erweiterte Lernwelten vor.

Stefan Gaude
Gast
Stefan Gaude

Sehr schöner Zwischenruf, der die ständige Aufforderung nach einer raschen digitalen Transformation der Volkshochschulen – besser gestern als heute – zumindest teilweise in Frage stellt. Ich plädiere insgesamt für mehr Gelassenheit – in den letzten 20 Jahren als Erwachsenenbilder und Medienpädagoge habe ich so manche „Killer – Anwendung“ kennengelernt, die mir heute so nützlich ist wie mein großes Latinum…
Wir sollten auch den Fokus pädagogischer Überlegungen nicht auf die Digitalisierung der Bildung verengen. Auch die Konzentration auf ein entschleunigtes Bildungsangebot dass ganz (selbst-)bewusst das analoge gemeinsame Lernen in den Mittelpunkt der VHS Arbeit stellt kann zukunftsfähig sein.

Andreas Balsliemke
Gast
Andreas Balsliemke

Auch wenn Wahres an diesen Zwischenruf ist – ich teile die Ansicht, dass Volkshochschule genau analysieren sollte, wo ihre nicht-digitalen Stärken liegen – so hat dieser Weg als Strategie doch den Geschmack, Ziele aufzugeben, ehe man sich wirklich daran versucht hat. Es stimmt, dass die kommunalen Strukturen der Volkshochschulen und vor allem auch deren eher schwerfälligen Verbandsstrukturen nicht die gleichen Voraussetzungen wie Startups haben. Allerdings haben sie dafür andere Stärken, die auch in der digitalen Welt nicht völlig unwichtig werden müssen. Dazu gehört ein ‚Filialnetz‘ in der ganzen Republik, dazu gehört die unglaubliche Bandbreite, die sich durch die vielen Schwerpunkte… Weiterlesen »

Jendrik
Gast
Jendrik

Besonders der Kern als ungleicher Wettlauf trifft es aus meiner Sicht. Wir können nicht und wir müssen auch nicht Schritt halten mit der Digitalisierung. Du beschreibst es gut, indem du sagst, wir müssen genau schauen, an welchen Punkten digitalisiert werden kann. Das war ja auch eine Botschaft von Frau Mueller-Naevecke.
Deine Vision am Ende des Textes sehe ich genauso. VHS als Ort der Begegnung, wo Kunst und Kultur sich mit Computer und Kochen treffen. Ein Ort des sozialen Lernens und der Gemeinschaft. Darauf muss sich die VHS einstellen, da liegt irgendwann auch der Auftrag.