Willkommenskultur in Zeiten der Abschottung? Zur Rolle von vhs in der aktuellen Migrationspolitik

von Dr. Nikolaus Schneider (aktuelles forum vhs Ahaus)

Ahaus. Volkshochschulen gelten als Orte gelebter Willkommenskultur. Es geht uns nicht darum, Zugewanderte nur mit Deutschunterricht zu beschulen. Austausch, Dialog und Teilhabe heißen unsere Ziele. Wir begreifen zugewanderte Menschen als Bereicherung, auch wenn wir uns bewusst sind, dass interkulturelle Kommunikation zuweilen anstrengend und konfliktreich sein kann. Ganz in dieser Haltung fand am 19./20. Juni an der vhs Hannover die fachbereichsübergreifende dvv-Tagung „Vielfalt. Zusammen. Lernen“ statt. Trotz vieler Debatten und Kontroversen im Detail waren sich die Teilnehmenden darin einig, dass sie Vielfalt und Verschiedenheit bejahen, dass sie Konflikte, die durch das Zusammenleben vieler Verschiedener entstehen können, für eine bereichernde Herausforderung und nicht für eine zu vermeidende Zumutung halten.

Die Volkshochschulen haben viele Merkmale derjenigen Willkommenskultur bewahrt, die 2015 unser Land charakterisierte. Die politischen Ereignisse insbesondere der letzten Wochen drängen die Frage auf, in welchen politischen Rahmen diese Haltung heute eingebettet ist. Es scheint in Europa derzeit zwei Grundsätze zu geben, denen die allermeisten europäischen Regierungen zustimmen können: 1. Die Würde des flüchtenden Menschen ist antastbar. 2. In unser Land sollen nicht noch mehr Flüchtlinge kommen. Mit diesen beiden Sätzen ist die derzeitige europäische Solidarität zusammengefasst. Flüchtlinge werden als Problemmasse behandelt. Der EU-Gipfel am 29. Juni, der ein Gipfel zur Verteilung von Flüchtlingen hätte sein sollen, wurde ein Gipfel der Abschottung, ein Gipfel des europäischen Festungsbaus. Der Grenzschutz soll gestärkt werden, Auffanglager außerhalb der EU (euphemistisch ‚Plattformen‘ genannt) sollen uns mit der Problemmasse gar nicht mehr in direkten Kontakt bringen. Wer es dennoch bis auf europäisches Terretorium schaffen sollte, wird in einem so genannten Hotspot oder einer Transitzone geparkt, wo seine Fluchtberechtigung überprüft wird. Dieser Linie der Abschottung stimmen in Deutschland nicht etwa bekanntermaßen ausländerfeindliche Parteien zu, sondern: CDU, CSU und SPD, die sich in der großen Koalition für mitgefangen hält; die AfD findet das alles noch viel zu wenig rigide. Sind europäische Werte in der jüngeren Vergangenheit jemals so ausgehöhlt worden? Eine Grunprämisse der europäischen Aufklärung ist hier über Bord geworfen und im Mittelmeer versenkt worden: Nimm das Individuum ernst in seinen Wünschen, seinen Rechten und in seiner Persönlichkeit; behandle den einzelnen Menschen nicht als Teil einer Masse. Insbesondere die CSU hat die Haltung und die daraus erwachsene Aufnahmepolitik der Bundesregierung und explizit der Kanzlerin im Jahr 2015 mehrfach als Sündenfall gebrandmarkt: ein derartiger Ordnungsverlust dürfe sich nie wieder ereignen. Soweit der bayerische – und in hohem Maße unchristliche – Kommentar zur Willkommenskultur.

Volkshochschulen sind keine politischen Akteure. Ihre Arbeit ist geleitet vom Interesse am einzelnen Menschen und seinen Bildungsbedürfnissen. Auf welcher Folie spielt sich unser Bildungsauftrag ab in einem Land, das einer europäischen Politik der Abschottung zustimmt und Flüchtlinge als Problemmasse begreift? In welche Wertegemeinschaft sollen wir zugewanderte Menschen integrieren, wenn das Prinzip des freien, einzigartigen und selbstbestimmten Individuums nicht mehr für Flüchtlinge gilt?

Wir Volkshochschulen tun gut daran, an der von uns täglich praktizierten Willkommenskultur festzuhalten. Wir sollten uns allerdings bewusst sein, dass wir dies in einer paradoxen Spannung zur Unwillkommenskultur der Europäischen Union und unserer Bundesregierung tun müssen. In der Kommunalpolitik finden wir eher Rückhalt, hier scheint noch eine Denke vorzuherrschen, die Flüchtlinge nicht als Problemmasse begreift, sondern als zu versorgende Menschen. Wir sind in die Situation von Albert Camus Sisyphos geraten, der in einem System der zementierten Ungerechtigkeit nicht müde wird, den Stein den Berg hinauf zu wälzen. Der letzte Satz von Camus Essay mag unsere Stimmung aufhellen: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen“.

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Erhard Koch
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Erhard Koch

Der Artikel von Herrn Schneider bringt den politischen Sachverhalt auf den Punkt und konterkariert die an die Grenzen des Stupiden und Erträglichen heranreichenden Intentionen der Rechtspopulisten innerhalb und außerhalb der sog. „Volksparteien“: Die wirklichen Opfer der gerade anlaufenden Katastrophen sollen zu Elementen einer anonymen „Problemmasse“ umgedeutet und – wenigstens zum Teil – kriminalisiert werden. (Mein Duden übersetzt „Hotspot“ mit „hohes Konfliktpotenzial“.) Nicht der primär „westlich“ induzierte Klimawandel soll die Ursache der weltweit anlaufenden Migrationsbewegungen sein, sondern der so genannte „Wirtschaftsflüchtling“, der in „unsere Sozialsysteme“ einwandern und (dreist!) überleben möchte. Und auch der Kriegsflüchtling, der tage-, wochen- oder monatelang um sein… Weiterlesen »

Stefan Gaude
Gast
Stefan Gaude

Sehr ausgewogener und deutlicher Artikel, der das Dilemma der VHS Arbeit im Bereich Migration gut beschreibt. Ich sehe allerdings auch die VHS als politischen Akteur – in nahezu allen Bildungsbereichen. Aber eben keinen parteipolitischen – oder eben doch zumindest in der Abgrenzung zu Positionen, die sich gegen den Bildungsauftrag und/oder Teilnehmenden der VHS richtet.

Jendrik Peters
Gast

Im vorletzten Absatz schreibst du „Volkshochschulen sind keine politischen Akteure.“ Auch wenn ich den Rest der Ausführungen teile, muss ich hier widersprechen und mit den Worten eines Kollegen aus Kaiserslautern sagen: „Wir sind Kämpfer für Demokratie, Partizipation, Aufklärung, Gleichberechtigung und Gerechtigkeit … wenn das mal nicht politisch ist. VHS- die politische Akteurin schlechthin.“